Es ist schon eine Weile her, und die wenigsten Menschen werden sich noch daran erinnern. Aber für die Ärztin Tenley Albright wird es für unvergessen bleiben. Es war bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina d’Ampezzo: Damals war Tenley Albright eine Eiskunstkunstläuferin, die sich wie andere Sportler/innen auf ihren Lauf vorbereitete. Im Gegensatz zu den Kolleg/innen hatte Tenley jedoch Pech und stürzte beim Training so schwer, dass sie nicht weiter trainieren konnte. Aus und vorbei? Das Ende der Karriere auf dem Eis?
Nicht für die kampffreudige Tenley Albright. Aber, was konnte sie noch tun, schwer verletzt und mit Schmerzen? Welche Möglichkeit gab es für sie – ausser nach Hause zu fahren und die Eiskunst zu vergessen? Tenley dachte nach – und so erinnerte sie sich an das, was sie damals gelernt hatte: Visualisierung. Und so lässt sie den Ablauf ihrer Kür immer wieder vor ihrem inneren Auge Revue passieren. Sie prägt sich dabei jeden Bewegungsablauf genau ein.
Coaches hatten den Sportlern beigebracht, wie sie die Kraft ihrer Gedanken nutzen können, um die beste Leistung zu erbringen. Auch, wenn es mal nicht so läuft wie geplant. Später sagt Tenley Albright: “Obwohl ich mit dem verletzten Knöchel noch wenige Tage vor Beginn der Spiele nicht einmal richtig auftreten konnte, hatte ich irgendwie das Gefühl, gut in Form zu sein. Inzwischen weiss ich, dass es an den Visualisierungsübungen lag, die ja inzwischen zum Trainingsprogramm der Eisläuferinnen gehören.
Damals waren wir hinsichtlich der mentalen Vorbereitung auf reines Erfahrungslernen angewiesen, mussten also durch Versuch und Irrtum den richtigen Weg für uns selbst finden.” Durch diese Visualisierung ihrer Kür war Tenley in der Lage, ihren Vorsprung aus dem Pflichtprogramm stabil zu halten. Ohne Körper-Training.
Ihre Anstrengungen wurden belohnt. Sie gewann mit verletztem Knöchel die Goldmedaille im Eiskunstlauf der Damen bei den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina D’Ampezzo.
In den 80er Jahren wurden die Ursachen des Erfolgs bei Spitzensportler/innen wissenschaftlich besonders gründlich erforscht. Der leitende Sport-Psychologe des United States Olympic Committee, Shane Murphy, erinnert sich:
“1987 brachte ich im Olympischen Trainingszentrum in Colorado Springs ein grossangelegtes Forschungsprojekt auf den Weg, um die mentalen und physischen Voraussetzungen für den Erfolg zu ermitteln… im Laufe der Jahre haben meine Kollegen und ich mehr als 4.000 Spitzensportler interviewt . Die Untersuchungen haben den eindeutigen Beweis erbracht, dass Spitzensportler einige oder alle acht Techniken nutzen, um sich auf Erfolgskurs zu bringen :
1. Aktionsorientierung, 2. Kreatives Denken, 3. Produktivitätsanalyse, 4. Ruhe bewahren, 5. Konzentration, 6. Emotionale Stärke, 7. Mobilisierung von Energiereserven, 8. Festhalten am Erfolgskonzept.”
Das, was im Sport gilt, gilt auch im täglichen Leben: im Beruf wie im Privatleben. Anstatt zu denken: Das kann ja nicht (mehr) gut gehen, einfach (!) auf das konzentrieren, was noch getan werden kann. Geduldig mit sich selbst sein und an das gute Ende glauben.
Lilli Cremer-Altgeld:
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Lilli Cremer-Altgeld ist Expertin für Hochbegabte, Markt- und Sozialforscherin, Coach, Autorin und arbeitet als Hörfunkmoderatorin im Hochschulbereich.